Chatnachlese

Gefährlichkeit eines Hundes ist nicht an der Rasse festzumachen
10. Februar 2010, 11:53 der Standard

Hundetrainerin Andrea Dité war zu Gast im Chat Hundetrainerin Andrea Dité tritt gegen den Hundführschein für bestimmte Rassen ein, da man die Gefährlichkeit eines Hundes nicht an einer bestimmten Rasse festmachen kann. Sie sieht eine verpflichtende Ausbildung für alle Hundehalter als sinnvoller an. Problematisch sei vor allem die Vermehrung von Hunden in Wohnungen und Hinterhöfen und die falschen Ausbildungsmethoden.

• ModeratorIn: Guten Tag. derStandard.at begrüßt Hundetrainerin Andrea Dité im Chat zum Hundeführschein. Wir bitten die UserInnen um Fragen.

• Andrea Dité: Ich begrüße Sie ebenfalls und freue mich, dass ich da sein darf und hoffe, dass ich auf Fragen aufklärende Antworten geben kann.

• düsterzapp: was würden Sie mit Hunden tun, die schon einmal kräftig zugebissen haben - einschläfern?

• Andrea Dité: Verallgemeinernd ohne den Fall genauer hinterfragt zu haben nicht mit ja beantworten im Bezug auf Einschläfern. Sinnvoll für mich wäre es schon, Hunde die bereits durch einen Bissvorfall auffällig geworden sind, mit Maulkorb zu führen. Sieht auch das Gesetz so vor.

• ModeratorIn: Sind Sie für oder gegen einen verpflichtenden Hundeführschein für Kampfhunde?

• Andrea Dité: Ein klares Nein für den Hundeführschein für Kampfhunde.

• rubinek: Was handhaben sie Hunde, die während der Ausbildung zum Hundeführerschein auffällig aggressives Verhalten zeigen?

• Andrea Dité: Im Prinzip werden die zum freiwilligen Hundeführschein antreten möchten von adäquaten Hundetrainern vorbereitet, sollte sich in einer der Situationen auffallendes Verhalten seitens des Hundes zeigen, wird man sofern der Hundeführschein noch auf freiwilliger Basis besteht, den Hundehalter raten zur Überprüfung noch nicht anzutreten und an der Auffälligkeit des Hundes zu arbeiten.

• flix the flax: hallo - ich habe vor wenigen tagen den film "tierische liebe" von seidl gesehen. erschreckend der umgang der menschen mit tieren. in vielen fällen ist ein zubeissen die logische folge ... würde hier ein tierführerschein nicht entgegenwirken?

• Andrea Dité: Den Film habe ich leider nicht gesehen, darum kann ich auf diesen speziell nicht eingehen. Allgemein bin ich aber sehr dafür, dass Hundehalter und zukünftige Hundehalter über das Verhalten und Gesten- und Mimikspektrum eines Hundes lernen sollten. Nach meiner Erfahrung sind immer noch zu viele Hundehalter darüber nur mäßig informiert.

• frottee !: Wieso sind sie gegen den verpflichtenden Führerschein?

• Andrea Dité: Ich bin gegen den verpflichtenden Hundeführschein, da er in Verbindung mit Rasselisten diskutiert wird. Da man die Gefährlichkeit eines Hundes nicht anhand einer Rasse festmachen kann, spreche ich mich dagegen aus.

• Rafaela: Rottweiler sind Ihre Lieblingshunde, sie seien liebe Hunde, wenn man wüsste wie man mit ihnen umgeht, sagen Sie - wie geht man mit Rottweilern um, bzw. was lief falsch bei den tragischen Fällen der letzten Zeit?

• Andrea Dité: Prinzipiell ist es wichtig, jeden Rassehund nur von renommierten Züchtern zu übernehmen. Die erste große Verantwortung liegt beim Züchter (frühkindliche Erfahrung). Oft stammen Hunde von Vermehrernoder aus dem Ausland, wo man nichts über die Elterntiere weiß und die Welpen in den ersten Lebenswochen meist nicht mit Umweltreizen konfrontiert sind. Mit Rottweilern muss man gar nicht speziell anders umgehen als mit anderen Hunden. Der Rottweiler gehört zu den Gebrauchshunderassen und gehört körperlich wie geistig gefördert und ausgelastet. Wie beim letzten Unfall mit den beiden Rottweilern war von Zivilschutz die Rede, was absolut abzulehnen ist.

• Rafaela: Sind Sie für einen Führschein für alle Hundehalter? bzw. eine verpflichtende Ausbildung für Hundehalter?

• Andrea Dité: In dem Sinne ja. Wo Hundehalter und zukünftige Hundehalter über Hundeverhalten und Verhalten in Alltagssituationen aufgeklärt werden.

• rastik999: Liegt es an der Konzeption des bisherigen Hunderführerscheins, dass Sie dagegen sindß wieso lehnen Sie den Hführerschein ab?

• Andrea Dité: Abzulehnen ist der verpflichtende Hundeführschein, da er mit Rasselisten gekoppelt ist, wobei der Anschein entsteht, dass diese Rassen eine erhöhte Gefährlichkeit darstellen.

• räuspernetherum: ein klares nein für den hundeführerschein (für besitzer mit "kampfhunden") welche alternative wäre eine möglichkeit für einen besseren umgang & der absicht von menschen die sich solch einen "kampfhund" holen wollen

• Andrea Dité: Verbot für das Vermehren von Hunden von Personen in Wohnungen und Hinterhöfen. Adäquate Trainer die den Hundehalter unterstützend zur Seite stehen und dem Hundehalter den richtigen Umgang mit seinem Hund im Alltag und gegenüber seinen Mitmenschen lehrt.

• Viva México Cabrones!: Was ist darunter zu verstehen: Ein Hund ist "scharf"

• Andrea Dité: Der Begriff "scharf machen" eines Hundes ist ein laienhafter (volksmündlich) Begriff, der in den modernen Ausbildungsmethoden nicht verwendet wird.

• Erzwo Dezwo: Wenn sie gegen den Hundeführerschein sind, was sind dann die Alternativen? Intelligenz- und Persönlichkeitstests für Herrchen und Frauchen?

• Andrea Dité: Sinnvoll erachte ich Alltagstrainingsmöglichkeiten anzubieten, worin Hundehalter auch über ihre Verantwortung gegenüber ihrer Umwelt unterrichtet werden. Alternative wäre auch die bereits bestehenden Gesetze (Maulkorb- oder Leinenpflicht) vermehrt zu exekutieren.

• baumeister des bösen wie will man gewährleisten das sich, falls der hundeführerschein eingeführt wird, die bürger daran halten? momentan sind sicher 1/3 aller hunde nicht mal gemeldet!!!

• Andrea Dité Genau diese Personen würde man über den verpflichtenden Hundeführschein nicht erreichen. Das ist sicher ein Problem das gelöst werden sollte. Hier wären die zuständigen Magistrate gefragt.

• Schneeglöckchen: Gemeinerweise ist es ja oft die Kombination: Ungustln halten sich beißkräftige Hunde und behandeln diese ungut. Wie löst man diese Mehrfachproblematik?

• Andrea Dité: Prinzipiell ist zu sagen, dass sich sehr viele Leute American Pit Bull Terrier oder American Staffordshire Terrier halten weil sie diese Rassen lieben und auch sehr verantwortungsbewusst damit umgehen. Nicht von der Hand zu weisen ist, dass sich bestimmte Personengruppen zu gewissen Hunderassen hingezogen fühlen und diese für ihr eigenes Ego missbrauchen, auch hier wäre die Exekutive gefragt.

• Frau Erna: Was halten sie von einem BesitzerInnenführerschein anstelle eines Hundeführerscheins? Es scheint doch eher hinterfragenswert, welche Menschen sich einen Kampfhund kaufen und Erkenntnisse über deren Persönlichkeit zu erhalten? Vielleicht dürfen manche Menschen einfach keine Hunde haben, denen sie nicht gewachsen sind?

• Andrea Dité: Ich glaube, dass ein reiner BesitzerInnenführerschein zu nichts führen würde, da ja zu beurteilen wäre wie der Hundehalter mit seinem Hund Alltagssituationen meistert und wie gut er seinen Hund lesen und einschätzen kann.

• Rafaela: Warum geht ein Großteil der Hundebisse auf das Konto nur weniger Hunderassen?

• Andrea Dité: Ist nach meiner Erfahrung nicht der Fall. Mir sind Bissvorfälle von den verschiedensten Rasse- und Mischlingshunden bekannt. Die häufigsten Bissvorfälle finden im eigenen Haushalt statt und nicht im freien Gelände.

• Frau Erna: Sie meinen also eine gefährliche Rasse gibt es per se nicht? Sollte das "Scharfmachen" aus ihrer Sicht verboten werden?

• Andrea Dité: Gefährlichkeit kann nicht allein an einzelnen Rassen festgemacht werden, jeder Hund ist ein einzelständiges Individuum. Das wie Sie es nennen "scharfmachen" eines Hundes für nicht Diensthunde ist meines Wissens verboten.

• Viva México Cabrones!: Was halten Sie von "Dogs" (dogs oriented guiding system) von Martin Rütter?

• Andrea Dité: Kann ich Ihnen jetzt auf der Stelle nicht seriös beantworten, da müsste ich mich vorher einlesen.

• Ihr Franz-Josef Hartlauer: Kann man bei einem Hundeführerschein eine verplfichtende Einschulung beim Sackerl für's Gackerl machen? ist für mich der weitaus größere Skandal

• Andrea Dité: Auch hier gibt es bereits bestehende Gesetze.

• pesigny: mit welchen strafen kann ein hundehalter rechnen, dessen hund, der ohne maulkorb an der leine geführt oder der ohne maulkorb frei laufen gelassen wird, sich im körper (beispielsweise im gesicht) meines kleinen sohnes verbeisst und ihn schwer verletzt? wenn nicht der hund, sondern der halter meinen kleinen sohn schwer verletzen würde, hätte dies eine mehrjährige haftstrafe zur folge. wie also sieht es im fall eines beissenden hundes - juristisch betrachtet - mit der verantwortlichkeit aus? danke für ihre antwort!

• Andrea Dité: Meines Erachtens wird auf Körperverletzung geklagt. Hängt am Einzelenen sicher von der Schwere der Verletzung ab. Thema ist sicher auch unterlassene Aufsichtspflicht des Hundes.

• Rafaela Was halten Sie von einem regelmäßigen Test für bestimmte Rassen auf Verhaltensauffälligkeiten?

• Andrea Dité: Würde ich ablehnen, da es sich wieder nur um bestimmte Rassen handeln würde denen eine erhöhte Gefährlichkeit zugesprochen wird, das jedoch wissenschaftlich nicht haltbar ist.

• retlaw: Halten Sie den Städtischen Bereich - z.B. Wien innerhalb des Gürtels - für einen adäquaten Lebensraum für Hunde?

• Andrea Dité: Da ich nicht über jeden dort lebenden Hundehalter informiert bin, und daher auch nicht beantworten kann wie viel Bewegung jeder einzelne Hundehalter seinen dort lebenden Hund bietet, kann ich Ihnen diese Frage weder mit Ja noch mit Nein beantworten.

• Raptorjesus: Für eine Pistole, mit der ich einen Menschen töten kann, benötige ich einen Waffenschein. Für einen Hund, den ich zu einer Waffe erziehen kann, brauch ich garnichts. Fällt Ihnen nicht auf, dass da was nicht stimmen kann?

• Andrea Dité: In beiden Fällen trägt der Mensch die Verantwortung. Es ist in Österreich verboten Privathunde in Zivilschutz auszubilden. Würde es unterbunden werden Hunde aus dem Ausland einzuschleusen oder Vermehrerhunde über Tierbörsen anzubieten, hätte man meines Erachtens einen besseren Überblick welcher Hund (Züchter) in welchen Haushalt übersiedelt.

• Frau Erna: Gibt es aus ihrer Erfahrung Hunderassen, die als besondersgutmütig gelten? Ich würde mir gerne einen Hund zulegen - lieber eine Dogge, einen Labrador oder doch einen Rhodesian Ridgeback?

• Andrea Dité: Genauso wenig wie man Gefährlichkeit an einer Rasse festmachen kann, kann man auch besondere Gutmütigkeit nicht an einer Rasse festmachen. Hier würde ich Ihnen raten, sich verschiedene Zuchtstätten anzusehen, mit den Züchtern sprechen, mit Hundehaltern die solche Hunde halten sich auszutauschen und sich eingehend mit den genannten Rassen auseinandersetzen und dann entscheiden welche Rasse am besten in Ihr Leben passt.

• Rafaela: Können ein paar Stunden Theorie für Hundehalter ausreichend sein? Was wäre ein vernünftiges Maß an Bildung und Ausbildung für Hunde + Hundehalter?

• Andrea Dité: Würde ich sehr begrüßen. Einige wenige Stunden sind meiner Meinung nach sicher nicht ausreichend damit ein Hundehalter lernt auch schwierige Situationen mit seinem Hund zu meistern.

• fallobst: Wenn Ungustln zu kleinen Hunden ungut sind, hat dies kaum Auswirkungen. Leider halten sich gerade Ungustln gerne keine kleinen – was tun?

• Andrea Dité: Meine Frage: Was verstehen Sie unter "zu Hunden ungut sein"? Ich verstehe darunter, körperliche Manipulation (Schlagen) am Tier, hier würde der Tatbestand der Tierquälerei vorliegen und gehört exekutiert.

• Raptorjesus: Was sagen Sie zu Eltern, deren Kind von einem sog. Kampfhund angefallen wurde, wenn Sie die Einführung eines Hundeführerscheins ablehnen?

• Andrea Dité: Es gibt bereits bestehende Gesetze wie Leine- und/oder Maulkorbpflicht. Diese Gesetze gehören verschärft exekutiert. Ich spreche mich nur gegen den verpflichtenden Hundeführschein in Verbindung mit Rasselisten aus, da es die Leute in eine falsche Sicherheit wiegen würde. Gefährlichkeit ist nicht anhand einer Rasse festzumachen. Den gefährlichen Hund gibt es, kann bei jeder Rasse oder deren Mischlingen durch falsche Haltung, falsche Ausbildungsmethoden,... auftreten. Zu diskutieren wäre ob es Sinn machen würde, Alltagstauglichkeitstrainings zu verpflichten.

• Fritz234: Was kann/soll man in einer möglichen Gefahrensituation tun? Wie kann ich mich/mein Kind von einem Hund verteidigen?

• Andrea Dité: Das ist allgemein sehr schwer zu beantworten, weil sich jeder Einzelfall anders darstellt. Ganz allgemein ist es nicht anzuraten von dem Hund wegzulaufen. Wenn es die Situation zulässt ruhig stehen bleiben, Finger in die Faust nehmen, den Kopf senken, keinen fixierenden Blickkontakt zum Hund herstellen, sich langsam mit der Bewegung des Hundes mitdrehen, nicht schreien und keine hektischen Bewegungen (könnten einen Angriff auslösen).

• Norbert Müller: ich kenne unzählige beispiele, wo grosse hunde in einer kleinen stadt wohnung gehalten werden und der besitzer vielleicht zweimal pro tag die hunde mit den hunden auf die strasse geht und sobald sie genug alufelgen makiert haben gehts wieder ab in die wohnung. jede begegnung im hauseingangsbereich ist für mich extrem unangenehm, weil diese hunde vollkommen geistesgestört sind. hundehalten unter diesen umständen ist für mich pervers gehört verboten. wie sehen sie das?

• Andrea Dité: Unter diesen Umständen werden die Tiere nicht artgerecht gehalten, ein Hund ist ein Lauftier. Hunde müssen die Möglichkeit haben sich ausreichend zu bewegen sonst läuft man Gefahr eines Energiestaus was zu Überreaktionen seitens des Hundes führen kann. Ich stimme Ihnen zu, dass diese Art der Haltung überprüft und gegebenenfalls verboten gehört.

• ModeratorIn derStandard.at: bedankt sich bei Hundetrainerin Andrea Dité und den UserInnen. Auf Grund der vielen Fragen konnten leider nicht alle beantwortet werden. Schönen Tag

• Andrea Dité: Ich verabschiede mich auch sehr herzlich, bedanke mich für die Einladung und Danke auch an die User für die rege Teilnahme.

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